Die Menschen werden immer älter. Medizinische Fortschritte, bessere Ernährung und eine relativ lange Periode ohne Kriege führten in den vergangenen Jahrzehnten dazu, dass die Lebenserwartung zumindest in den westlichen Industriestaaten kontinuierlich anstieg. Deutsche Männer werden derzeit durchschnittlich etwa 76 Jahre alt, Frauen scheiden im Mittel erst nach 82 Jahren aus dem Leben. Aber auch biblische Alter von 100 oder mehr Jahren sind keineswegs eine Seltenheit.
Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es rüstige Senioren mit 150 Jahren gibt? Nein, es gebe durchaus so etwas wie eine «biologische Grenze» des Alterns, sagt Professor Wulf Schiefenhövel, Vorsitzender der Gesellschaft für Anthropologie und Humanethologe am Max-Planck-Institut in Andechs. Und die wurde sogar schon in der Antike oder im Mittelalter manchmal erreicht. «70-Jährige hatten auch früher schon recht gute Chancen, 80 Jahre oder älter zu werden», sagt Schiefenhövel. Hin und wieder kam und kommt es mit 100- oder 115-Jährigen auch zu demografischen Ausreißern.
Dass heute mehr Menschen derart alt werden, hängt vor allem mit der deutlichen Senkung der Säuglingssterblichkeit zusammen. Viel mehr Spielraum nach oben gibt es laut Schiefenhövel beim Altern aber nicht mehr. Bestimmte Prozesse im Körper funktionieren zunehmend schlechter, bis sie irgendwann aussetzen und den Tod herbeiführen. Deshalb könne die biologische Grenze auch nicht durch weitere medizinische Fortschritte unbegrenzt verschoben oder außer Kraft gesetzt werden, sagt Schiefenhövel. «Das ist allenfalls durch massive Eingriffe ins Erbgut denkbar." Ihm zufolge ist es ohnehin einzigartig in der Natur, dass Menschen - insbesondere Frauen - auch nach Ende ihrer Fortpflanzungsfähigkeit mitunter noch Jahrzehnte weiterleben. Grund ist die vergleichsweise lange Entwicklungs- und Erziehungsphase von Kindern, die oft den unterstützenden Einsatz von Großmüttern und -vätern verlangt. Im Tierreich sind normalerweise einzig die Eltern für die Aufzucht zuständig. Dort endet das Leben oft recht schnell nach Ende der Fortpflanzungsfähigkeit. Aber selbst für Großeltern sind die Erziehungsaufgaben irgendwann erledigt, für das Wohlergehen der Nachkommen erfüllen sie dann keine Funktion mehr. Deshalb habe die Evolution auch «kein Interesse» daran, dass die Menschen 150 Jahre oder noch älter würden, betont Schiefenhövel. Eine weitere Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung sei somit unwahrscheinlich. «Vielleicht haben wir das Maximum schon erreicht», sagt der Anthropologe. So sei die Lebenserwartung in Dänemark insbesondere für Frauen trotz des sehr hohen Lebensstandards am unteren Ende der europäischen Skala. Die Ursache könnten neue Umweltgifte oder andere schädliche Faktoren sein.





